Herzsicheres Warstein

„Ingos Helferbande“ ist bereit - Erste-Hilfe-Schulung im Kindergarten Salzbörnchen


(Warstein – 09.03.2026) „Wisst ihr, welche Nummer ihr anrufen müsst, wenn ihr uns erreichen wollt?" Jennifer Friedrichs guckt in vier fragende Gesichter. Nein, das wissen die Vorschulkinder noch nicht. Kein Problem: „Es gibt einen Trick", sagt die Sanitäterin. „Eins", sagt sie, hebt ihren rechten Daumen und streckt die Faust nach vorne, „eins", der linke Daumen folgt, „zwei", sie klatscht die ausgestreckten Fäuste zusammen. „Und jetzt ihr!" Das lassen sich die Mädchen nicht zwei Mal sagen: „Eins, eins, zwei", brüllen sie fast schon, als sie die Bewegungen nachmachen.

Erste Hilfe kann so einfach sein – so einfach, dass es sogar Kindergartenkinder verstehen. Darauf setzt die Stiftung Maria Hilf zusammen mit Erste-Hilfe-Dozentin Jennifer Friedrichs beim Projekt „Ingos Helferbande". Das ist einer der Bausteine für das „Herzsichere Warstein". Weil Erste Hilfe nämlich nicht erst im Erwachsenenalter einsetzen sollte, hat die Stiftung zusammen mit der Firma W&W (Wintgen und Wischnewski) ein Konzept entwickelt, das die Schulung in Erster Hilfe schon ab dem Kindergartenalter vorsieht. Seit Januar 2025 wurden in Warstein – und seit Anfang des Jahres auch in Rüthen – insgesamt 226 angehende Schulkinder in den Kitas und 158 Viertklässler in den Grundschulen in Erster Hilfe geschult.

Heute ist die Gruppe klein. Überhaupt sind in der Kita Salzbörnchen dieses Jahr nur fünf Schulkinder und eins ist auch noch krank. Also lernen Isabelle, Arya, Alischa und Beli zu viert, worauf es im Ernstfall ankommt. Und das ist natürlich mehr als nur die 112. „Kennt ihr denn eigentlich Dornröschen?", möchte Jennifer Friedrichs wissen. Natürlich kennen die vier Mädchen das Märchen von der Prinzessin, die 100 Jahre tief und fest schläft. „Und wisst ihr, wer sie rettet?" „Der Priiinz", sagt Arya und singt: „Dornröschen wache wieder auf, wieder auf, wieder auf..."

Aber wenn jemand ganz tief schläft, so wie Dornröschen, ist ja doch meist kein Prinz in der Nähe – und mit dem Wachknutschen ist es auch so eine Sache. Also zeigt Jennifer Friedrichs, wie es anders geht: Dietmar Müller, Mitglied des Stiftungsrats, stellt sich als „Dornröschen" zur Verfügung und liegt auf dem Turnhallenboden. „Aufwachen!", rufen Expertin und Schulkinder ganz laut – aber er rührt sich nicht. Auch Schütteln und Rütteln bringt nicht viel. Also heißt es: „Kaktusarm" rechts nach oben abspreizen, „Prinzessinnenhand" an die Wange legen, das linke Bein wie ein Dach vom „Haus" anwinkeln – und ab in die stabile Seitenlage.
Zauberdecke auf Prinzessinnenseite
Was fehlt denn noch, damit er nicht friert?", fragt Jennifer Friedrichs. „Eine Decke", sagt Arya wie aus der Pistole geschossen. Genau: Die Sanitäterin holt die silber-goldene „Zauberdecke" auf der Kiste. „Das Gold muss bei Prinzessinnen immer nach außen", erklärt sie. Wenn keine Zauberdecke in der Nähe ist, reiche aber auch eine normale Decke oder eine Jacke. Weil Üben wichtig ist, kommen auch noch Erzieherin Petra und die Mädchen nacheinander als Dornröschen an die Reihe. „Ganz, ganz viele Erwachsene wissen nicht, wie das geht", sagt Jennifer Friedrichs, „und ihr habt das so schnell gelernt. Ich bin richtig stolz auf euch."

Foto: „Aufwacheeeen!": Arya, Isabelle und Beli geben sich alle Mühe, dass Alischa wieder wach wird. © Hannah Löseke

Quelle: Soester Anzeiger Lokalteil Warstein vom 09.03.2026

Ziel von „Ingos Helferbande“


Ziel von „Ingos Helferbande", aber auch von der Schulung der Viertklässler, ist, dass sich die Kinder sicher fühlen. Und es sei spannend, zu sehen, „wie das in zehn Jahren ist", sagt Friedrichs – wenn die ersten Kinder so groß sind, dass sie die Schulung im Kindergarten, in der Grundschule und in der weiterführenden Schule hatten. Denn ab dem Schuljahr 2026/27 führt NRW einen verpflichtenden Reanimationsunterricht für Schüler ab Klasse 7 (beziehungsweise Klassen 7 bis 9) ein. Jede Schülerin und jeder Schüler erhält eine 90-minütige Schulung in Laienreanimation.

Manchmal ist es aber auch „nur" eine Verletzung, die verarztet werden muss. Dafür ist Flamingo Ingo dabei, ein richtiger Pechvogel, der der Aktion ihren Namen gebracht hat: Er ist Chef von „Ingos Helferbande". Der hat nämlich nicht nur einen verbundenen Hals, sondern auch eine große Schatzkiste voll mit Verbandsmaterial. Daran bedienen sich die Mädchen, befolgen aber drei Regeln, die Jennifer Friedrichs erläutert. „Erstens: Wir fassen nur unser eigenes Blut an", sagt sie – und die Mädchen ziehen sich Handschuhe an. „Zweitens: Jeder Verband fängt mit so einem Viech an." Sie gibt den Vieren Kompressen. „Und drittens: Wir nehmen einen Verband und wickeln den ab, bis nichts mehr übrig ist."

Wie sehr Deutschland in Sachen Erste Hilfe hinterherhängt, hat Stiftungsratsvorsitzende Alexa Senger im Urlaub in Norwegen beobachtet: Dort gebe es Defis an Tankstellen, Restaurants und an vielen öffentlichen Orten. „Die Sensibilität fehlt in Deutschland noch." Während sich in Norwegen 80 Prozent der Bevölkerung zutrauten, im Notfall zu helfen, seien es in Deutschland nur zehn Prozent. Umso wichtiger sei es, Berührungsängste bei Kindern abzubauen.

Gegenseitig legen sich die Mädchen die Verbände an: Arya wickelt ihn um Isabelles Arm, Beli legt ihn bei Alischa an, dann wird getauscht. Das ist gar nicht so einfach, die Handschuhe sind nämlich ein bisschen größer als ihre kleinen Hände, und damit fällt das Wickeln wirklich nicht leicht. „Uff, ich hab's gleich", sagt Arya, als sie fast fertig ist. Jennifer Friedrichs zeigt ihr noch schnell, wie sie das Ende der Mullbinde unter den Verband steckt – und tadaaa, die Fünfjährige hat ihren ersten Verband fertig. „Wisst ihr denn, wo ihr Verbandsmaterial finden könnt?", fragt die Sanitäterin. „In der Schatzkiste!", sagt Arya. Aber Friedrichs erklärt ihr, wo noch: im Kindergarten und im Auto. Und darin liegt fast immer auch eine Zauberdecke.

Fotos: (links) Jennifer Friedrichs (r.) zeigte den Schulkindern in der Kita Salzbörnchen, was sie in ihrem Rucksack hat. (rechts) Gar nicht so einfach: Arya (r.) legt Isabelle einen Verband an. © Hannah Löseke

Quelle: Soester Anzeiger Lokalteil Warstein vom 09.03.2026

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